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Zwangsarbeiterbericht 

Grundlage

Seit längerem stehen Forderungen von ehemaligen Zwangsarbeitern/innen oder deren Hinterbliebenen an den deutschen Staat und seine Wirtschaft im Raum. Die Verhandlungen über zu zahlende Entschädigungsleistungen sind abgeschlossen. Insgesamt 10 Mrd. DM sollen über die Stiftungsinitiative "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" der deutschen Wirtschaft den im Zweiten Weltkrieg zur Zwangsarbeit im damaligen NS-Deutschland verpflichteten Personen oder deren Hinterbliebenen zur Verfügung gestellt werden.

Die Recherche des Archivausschusses der Stadt Münzenberg befasste sich nicht mit den Gründen der Zwangsarbeit während des NS-Regimes überhaupt bzw. der seinerzeitigen Rechtsstellung der Zwangsarbeiter/innen. Vielmehr sollten aktenkundig gewordene Personen mit Namen, Geburtsdatum und Aufenthaltszeiten der Nachwelt überliefert werden. Die nachfolgenden Forschungsergebnisse sollen der Stadt Münzenberg helfen, eingehende Anfragen zu beantworten und evtl. zur Anspruchsbegründung geleistete "Dienstzeiten" nachzuweisen. Wichtig hierbei ist, dass jede/r Nachfrager/in auf die rechtzeitige Antragsstellung bis März 2001 hingewiesen werden sollte.

Anlass

Mit Schreiben vom 06.01.2000 hatte der Landrat des Wetteraukreises, Rolf Gnadl, vor dem Hintergrund der o. g. Thematik alle Kommunen des Wetteraukreises aufgerufen, in den örtlichen Archiven Material durch Archivare oder Heimat- und Geschichtsvereine recherchieren zu lassen, um einen Beitrag zur Aufarbeitung dieses historischen Erbes leisten zu können. Für die Stadt Münzenberg war damit der Archivausschuss mit der Recherche des in Rede stehenden Datenmaterials betraut worden, der Einsatz von Dritten und in Archivfragen unerfahrenen Personen demnach nicht anzustreben.

Archivausschuss der Stadt Münzenberg

Der Archivausschuss besteht aus fünf ehrenamtlich arbeitenden Personen, die sich seit 1996 auch im städtischen Kultur- und Geschichtsverein "Freundeskreis Burg und Stadt Münzenberg" engagieren. Der Archivausschuss wird als "Arbeitsausschuss" von einem Vorstandsmitglied des "Freundeskreises Burg und Stadt Münzenberg" geleitet und arbeitet eng mit der Stadtverwaltung Münzenberg in allen Fragen zusammen, die das Stadtarchiv betreffen. Anfragen von Dritten an die Stadt Münzenberg zu Fragen des Stadtarchivs oder der Heimatgeschichte werden grundsätzlich an den Archivausschuss zur weiteren Bearbeitung weitergeleitet.

Der Archivausschuss besteht aus folgenden Personen:

Alle Archivbestände der Stadt Münzenberg sind nach der Archivordnung (von 1908) bis zur Gebietsreform 1971 nach den ehemaligen selbständigen Gemeinden Gambach, Münzenberg, Ober-Hörgern und Trais-Münzenberg gegliedert (Archivteile), daher ergeben sich auch die vorgenannten Zuständigkeiten der im Archivausschuss arbeitenden Personen. Die Materialien sind innerhalb jedes Archivteils weiter in Abteilungen, Abschnitte, Konvolute und Faszikel nach sachlicher Zugehörigkeit einsortiert.

Gesichtetes Material

Stadtarchiv Münzenberg

In allen Archivteilen wurde zunächst in Abteilung VIII (Militär- und Kriegsangelegenheiten) recherchiert, ohne jedoch Hinweise auf Zwangsarbeiter/innen finden zu können. Sodann wurde in den Abteilungen IV (Staatsverwaltung) unter dem Abschnitt "Sammlung der Gesetze, Verordnungen und Dienstvorschriften" und XV (Gemeindeangelegenheiten) unter dem Abschnitt "Gemeinderechnungswesen" in den Konvoluten 391 ff. einige Belege der Jahre 1942-45 über den Einsatz von Zwangsarbeitern in Gambach, Münzenberg und Trais-Münzenberg aufgefunden. Im Archivteil Ober-Hörgern konnten derartige Unterlagen nicht gesichtet werden. Jedoch wurden Unterlagen über drei polnische Arbeiter ausfindig gemacht. Weitere Ergebnisse aus Ober-Hörgern konnten nur durch Befragungen erzielt werden.

Das aufgefundene Archivmaterial war mit Sicherheit nicht vollständig und gab nur einen ungenügenden Einblick in die Situation der damals Zwangsverpflichteten.

Staatsarchiv Darmstadt

Der Vorsitzende des Archivausschusses hatte in Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Klaus-Dieter Rack einschlägiges Material im Staatsarchiv Darmstadt in Augenschein genommen. Zuvor wurde der Antrag auf Abkürzung der Sperrfristen nach dem "Hessischen Archivgesetz" gestellt und genehmigt, damit personenbezogene Daten der Betroffenen gesichtet und im Rahmen der Forschungsarbeiten auch verwendet werden konnten. Damit war auch das öffentliche Interesse an der Einsichtnahme jener Akten nachgewiesen. Leider waren im Staatsarchiv keine Akten aus dem Kreis Gießen vorhanden, die die Zwangsarbeiter/innen betreffen, so dass für den heutigen Münzenberger Stadtteil Ober-Hörgern keine diesbezüglichen Archivalien zur Verfügung standen. Folgende Akten wurden im Staatsarchiv eingesehen:

Russische Staatsangehörige
Gambach (G 15 / Q 620)
Münzenberg (G 15 / Q 644)
Trais-Münzenberg (G 15 / Q 668)

Polnische Staatsangehörige
Gambach (G 15 / Q 544)
Münzenberg (G 15 / Q560)
Trais Münzenberg (G 15 / Q 593)

Weitere Ausländerakten
Münzenberg (G 15 / Q 499)
Trais-Münzenberg (G 15 / Q526)

(für Gambach sind solche Akten nicht vorhanden)

Auch die Akten aus dem Staatsarchiv waren mit Sicherheit nicht vollständig, halfen aber, den aktenkundig gewordenen Personen durch genauere Datenbestände mitunter "Gestalt" zu geben, teils mit Lichtbild.

UN-Kartei (Ausländersuchlisten)

Die Erfassungslisten der Vereinten Nationen (UN-Kartei), auch "Ausländersuchlisten" genannt, wurden für den Kreis Friedberg in den ersten Nachkriegsjahren (1948/49) vom damaligen Landratsamt Friedberg angelegt und enthielten Namenslisten mit Angabe der persönlichen Daten, soweit bekannt. Die Listen, im DIN A3-Format und auf insgesamt 63 Mikro-Fiches verfilmt, wurden vom Vorsitzenden des Archivausschusses in der Kreisverwaltung des Wetteraukreises eingesehen und ausgedruckt. Die dortigen Daten sind in die weiter unten beschriebene Gesamt-Namensliste eingeflossen. Da der heutige Stadtteil Ober-Hörgern seinerzeit zum Landkreis Gießen gehörte, sind keinerlei diesbezügliche Unterlagen gesichtet worden.

Ergebnisse

Nach Durchsicht aller zur Verfügung stehenden Archivalien können insgesamt 652 Namensnennungen für die Stadtteile Gambach, Münzenberg Ober-Hörgern und Trais-Münzenberg aufgelistet werden. Hinzu kommen Hinweise auf 8 weitere Zwangsarbeiter/innen durch Zeitzeugenbefragungen in Ober-Hörgern. Zu beachten ist, dass durch die verschiedenen Archivalien (Stadtarchiv, Staatsarchiv und UN-Kartei) zwangsläufig Mehrfachnennungen vorkommen. Die Liste ist als Anlage beigefügt. Aufgeführt sind Name, Vorname, Geburtsdatum, Geburtsort, Meldedaten, Stadtteil und Fundstelle der Informationen. Bei der Angabe der Nationalität wurde das heute gültige Kfz. -Nationalitäts-Kennzeichen verwendet. Bei den heute selbständigen Staaten Russland, Weißrussland und Ukraine wurde die Kennung "GUS" (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) angewandt, da seinerzeit alle Zwangsarbeiter/innen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nur "Ostarbeiter" oder "Russen" genannt wurden.

Die Nennungen von Personen teilen sich wie folgt auf:

Gambach

Stadtarchiv: 51
Staatsarchiv: 55
UN-Kartei: 203
Zeitzeugen: 0
Summe: 309

Münzenberg

Stadtarchiv: 0
Staatsarchiv: 66
UN-Kartei: 183
Zeitzeugen: 0
Summe: 249

Ober-Hörgern

Stadtarchiv: 3
Staatsarchiv: 0
UN-Kartei: 0
Zeitzeugen: 8
Summe: 11

Trais

Stadtarchiv: 0
Staatsarchiv: 27
UN-Kartei: 64
Zeitzeugen: 0
Summe: 91

Summe

Stadtarchiv: 54
Staatsarchiv: 148
UN-Kartei: 450
Zeitzeugen: 8
Summe: 660

Insgesamt können 149 offensichtlich Mehrfach-Namensnennungen ausgemacht werden, sodass von mindestens 511 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern für die Stadtteile Gambach, Münzenberg Ober-Hörgern und Trais-Münzenberg in der Zeit von 1940-45 ausgegangen werden muss.

Gambach (Stadtarchiv Münzenberg)

Die namentliche Nennung von "Zivil- und Ostarbeitern" sowie Kriegsgefangenen in Gambach geschah in Rahmen deren Einsatzes zu Holzarbeiten im Gambacher Wald, wozu sie von ihren "Beschäftigern" gegen Erstattung der Kosten durch die Gemeinde "freigestellt" wurden. Die Arbeitsleistungen wurden detailliert nach Arbeitsstunden aufgelistet und sind für die Jahre 1943-45 dokumentiert. Immer wieder ist von einem "Arbeitslager 131" oder "Arbeitskommando 131" die Rede, dessen Bedeutung nicht einwandfrei geklärt werden konnte. Entweder waren damit alle in Gambach eingesetzten Arbeiter/innen gemeint oder nur diejenigen, die ohne "Beschäftiger" auftauchen und vermutlich in der Sammelunterkunft (heute Autohändler Rieger, Bahnhofstr. 67) untergebracht waren. Auch war von einem "Russenlager" im heutigen alten Rathaus In Gambach die Rede. Als Beweis diente hier ein Auszug aus dem Standesamtsregister, wonach eine "Ostarbeiterin" namens Warwara Lapko am 10.02.1945 um 10.00 Uhr im alten Rathaus einen Jungen zur Welt gebracht hat. Die Geburt wurde von der damaligen Gemeindeschwester Änne Klump vor dem Standesbeamten bestätigt. Das Kind hieß Iwan Andre Lapko.

Weiterhin waren in Gambach französische Kriegsgefangene eingesetzt, die ebenfalls im Gambacher Wald zu Holzarbeiten herangezogen und von ihren "Beschäftigern" freigestellt wurden: Die Kriegsgefangenen wurden gemeinsam im Hause Obergasse 44 (heute Maschinenhalle) untergebracht, wo sie sich allabendlich nach Erledigung der aufgetragenen Arbeiten in der Landwirtschaft einzufinden hatten und unter Bewachung standen.

Gambach (Staatsarchiv Darmstadt)

Hier konnten Personenakten eingesehen werden, die lediglich Aufenthaltsbescheinigungen für die damals zuständige Kreispolizeibehörde und Arbeitskennkarten mit persönlichen Daten, teils mit Lichtbild, wiedergeben. Die im Staatsarchiv aufgefundenen Akten decken sich teilweise mit den Listen aus den Gemeinderechnungen des Stadtarchivs Münzenberg. Der älteste nachweisbare Zwangsarbeiter in Gambach in der Zeit von 1943-45 war Alexander Mozasuk mit 77 Jahren, der jüngste Simon Dowbik mit 10 Jahren. Die einheimischen Juden wurden hierbei nicht berücksichtigt, weil sie bereits im September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden.

Gambach (UN-Kartei)

Es wurden etliche Namensnennungen unter Angabe von Geburtsdatum, Geburtsort und Meldedatum (Aufenthaltszeitraum) aufgefunden. Mit aufgeführt waren auch Gambacher Bürger jüdischen Glaubens, die bis 1942 ebenfalls als Zwangsarbeiter zu niederen Arbeiten herangezogen wurden, ehe sie ab September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden.

Münzenberg (Stadtarchiv Münzenberg)

Aufgefunden wurden im Stadtarchiv unter der Abteilung "Gemeinderechnungen" verschiedene Abrechnungen von Münzenberger Firmen mit der Gemeinde Münzenberg wegen Verpflegungskosten (Brote etc.) und Materialkosten (Lampen, Betten etc.). Auch hier wurden die russischen Zwangsarbeiter im alten Rathaus untergebracht, was verschiedentlich durch die Begriffe "Russen-Lokal", "Arbeitslager" oder "Gefangenenlager" deutlich wird. Namenslisten von Zwangsarbeiter/innen in Münzenberg sind im Stadtarchiv Münzenberg nicht aufgefunden worden.

Münzenberg (Staatsarchiv Darmstadt)

Die eingesehenen Personenakten enthalten lediglich Aufenthaltsbescheinigungen, teils mit Lichtbild, und persönliche Daten, den "Gambacher Akten" entsprechend.

Münzenberg (UN-Kartei)

Es wurden etliche Namensnennungen unter Angabe von Geburtsdatum, Geburtsort und Meldedatum (Aufenthaltszeitraum) aufgefunden. Auch hier wurden die Münzenberger Bürger jüdischen Glaubens als Zwangsarbeiter aufgelistet.

Ober-Hörgern (Stadtarchiv Münzenberg)

Zufällig konnten drei polnische Zwangsarbeiter durch Gerichts-Unterlagen (Abteilung X, Konvolut 034, Faszikel 007) ausfindig gemacht werden. Weiterhin hat das Ausschussmitglied Claudia Spieß durch Befragung verschiedener Zeitzeugen Hinweise auf acht weitere Zwangsarbeiter/innen erhalten, ohne jedoch die Nachnamen ermitteln zu können.

Ober-Hörgern (Staatsarchiv)

Es sind keine Unterlagen aufgefunden worden.

Ober-Hörgern (UN-Kartei)

Es sind keine Unterlagen aufgefunden worden.

Trais-Münzenberg (Stadtarchiv Münzenberg)

Es wurden keine Namenslisten aufgefunden, lediglich allgemeiner Schriftverkehr zwischen der damaligen Gemeinde und dem Landratsamt Friedberg. Ferner fand sich Schriftverkehr mit einer US-Dienststelle, nach dem drei ehemalige Zwangsarbeiter sich für einen Trais-Münzenberger Landwirt einsetzen, weil er sie stets "gut behandelt" hatte.

Trais-Münzenberg (Staatsarchiv Darmstadt)

Aufgefunden wurden lediglich kurze Namenslisten, Schriftverkehr zwischen Gemeinde und Landratsamt (Aufenthaltsbescheinigungen).

Trais-Münzenberg (UN-Kartei)

Es wurden etliche Namensnennungen unter Angabe von Geburtsdatum, Geburtsort und Meldedatum (Aufenthaltszeitraum) aufgefunden. In Trais-Münzenberg sind keine Bürger jüdischen Glaubens nachgewiesen worden.

Interviews

Für die Stadtteile Gambach, Ober-Hörgern und Trais-Münzenberg sind Zeitzeugen exemplarisch befragt worden. Die Struktur der Befragung war stets gleich. Aus Zeitgründen wurde auf eine Befragung im Stadtteil Münzenberg verzichtet.

Gambach

Befragt wurde Frau Waltraud Windirsch, geb. Ratz, Hintergasse 10 durch das Ausschussmitglied Horst Vetter. Der polnische Zwangsarbeiter Wassili RANDA, geb. 21.04.1926, war von 1943-45 in ihrem Elternhaus "beschäftigt". Haupteinsatzbereich war die Landwirtschaft. Teilweise half RANDA auch in der elterlichen Schumacherwerkstatt aus. Im Winter wurde RANDA zu Holzhauerarbeiten (wie oben beschrieben) im Gambacher Wald eingesetzt. Nach dem Krieg bestand noch einige Zeit brieflicher Kontakt zwischen den Familien Ratz und RANDA, der sich auf gegenseitige Schilderungen der jeweiligen familiären Situation beschränkte. Zusammenfassend kann ausgeführt werden:

"Als 17-jähriger hatte der junge Pole keinen Kontakt zu seinen älteren Landsleuten, die als Kriegsgefangene in Sammellagern kampierten. RANDA wohnte im Hause Ratz in einem separaten Raum und nahm an den gemeinsamen Mahlzeiten teil. In seiner Freizeit saß er oft mit der Haustochter Waltraud zusammen, um bei ihren Hausaufgaben Deutsch zu lernen. Wassily half bei allen anfallenden Hausarbeiten (Wäsche waschen, Einkochen etc.) und war auch bei der Verwandtschaft der Familie gerne bereit, zu helfen. Nach dem Einmarsch der Alliierten am 29.03.1945 lobte Wassily bei einem Amerikaner polnischer Abstammung die guten Verhältnisse zwischen ihm und den deutschen "Arbeitgebern" und erreichte, dass diese (Familie Ratz) einige Zuwendungen aus Armeebeständen erhielten. Mit der Schaffung des Internierungslagers in Butzbach verzog Wassily RANDA nach dort hin und kehrte irgendwann in seine Heimat zurück. Lebenszeichen von ihm kamen Jahre später. Einzelheiten wissen die heute noch lebenden Ratz-Nachkommen darüber nicht."

Trais-Münzenberg

Es wurden mehrere Zeitzeugen befragt, die die ermittelten Ergebnisse größtenteils bestätigt haben. Nach dem Krieg bestanden keine weiteren Kontakte zwischen den ehemaligen Zwangsarbeiter/innen und ihren ehemaligen "Beschäftigern". In den Unterlagen des Standesamtes der Stadt Münzenberg ist die Geburt des Mädchens Natalja des Zwangsarbeiter-Ehepaares GOLUBNITSCHENKO nachgewiesen. Das Ehepaar wohnte getrennt in verschiedenen Hofreiten in Trais-Münzenberg.

Ober-Hörgern

Trotz Fehlens jeglicher Archivalien hat das Ausschussmitglied Claudia Spieß neben anderen Frau Marga Ohly, Gambacher Str. 8, befragt. Frau Ohly kam in jungem Lebensalter selbst als Luftkriegsbetroffene von Frankfurt nach Ober-Hörgern und berichtete als Zeitzeugin von einem 20- bis 22-jähriges polnischen Mädchen namens Irene, die in einem landwirtschaftlichen Betrieb in der Untergasse dienstverpflichtet war. Das Mädchen lernte den französischen Zwangsarbeiter August FONCAULT aus der Normandie kennen, den sie nach dem Krieg geheiratet hatte. Die Zwangsarbeiter nahmen, wie andernorts auch, an den Hausgemeinschaften (z. B. eigene Stube im Haus) verbotener Weise teil und waren laut Aussagen "akzeptiert". In der Freizeit, so die Zeugin, traf man sich am Lindenbaum und wanderte oft singend zusammen mit der heimischen Jugend an der Chaussee entlang. Briefliche und persönliche Kontakte zwischen der Zeitzeugin und der Familie FONCAULT, August ist inzwischen verstorben, bestehen bis in unsere Tage. Die Zeugin nannte noch weitere Vornamen von Zwangsarbeitern, ohne allerdings die Nachnamen und weitere Einzelheiten zu kennen.

Frau Ohly beruft sich weiter auf ältere Einwohner Ober-Hörgerns, durch die Hinweise auf weitere 8 Zwangsarbeiter/innen, die Nachnamen sind nicht bekannt, gewonnen werden konnten.

Münzenberg

Der Archivausschuss hat nicht zuletzt aus Termingründen ein Interview in Münzenberg selbst nicht durchführen können. Hauptgrund war, dass den Ausschussmitgliedern im Gegensatz zu Gambach und Ober-Hörgern keine Zeitzeugen persönlich bekannt waren. Die Interviews können nachgeholt werden, dürften das Ergebnis aber nicht beeinflussen. Vielmehr werden die Auskünfte den anderer Stadtteile ähnlich sein. An der Anzahl der in den Archivalien nachgewiesenen Zwangsarbeitern ändert das nicht durchgeführte Interview nichts.

Bemerkenswertes

Gambach

Im Staatsarchiv Darmstadt wurde Schriftverkehr des "Gendarmerie-Postens Rockenberg" an die Gestapo Gießen aufgefunden, dem eine Anzeige eines Landwirtes aus der unteren Bahnhofstraße in Gambach gegen den Zwangsarbeiter Alewius TSCHITSCHUN wegen "Aufsässigkeit" zugrunde liegt. Das weitere Schicksal des TSCHITSCHUN ist ungeklärt, er wurde festgenommen und nach Gießen überstellt. Andererseits berichten Zeitzeugen immer wieder, dass die Zwangsarbeiter trotz Verbot mit den Familien der "Beschäftiger" gemeinsame Mahlzeiten einnahmen und "gut behandelt" wurden. "Zwischenfälle" oder eine "schlechte Behandlungen" werden von Zeitzeugen nicht berichtet und sind, wenn überhaupt, nur aus Akten zu erfahren.

Die holländische Köchin Anna Katharina VAN DEYCK kam am 01.04.1945 in der Holzheimer Straße 1 in Gambach durch einen Herzschuss ums Leben. Die Hintergründe sind nicht einwandfrei geklärt, Beziehungsstreitigkeiten wurden immer wieder ins Spiel gebracht.

Münzenberg

Es sind keine Besonderheiten ermittelt worden. Im großen und ganzen wird das Miteinander ähnlich wie in allen Dörfern auf dem Lande gewesen sein.

Ober-Hörgern

Auch hier wird von den Zeitzeugen berichtet, dass die Zwangsarbeiter/innen an den gemeinsamen Mahlzeiten in den Familien trotz offiziellem Verbot teilnahmen. Die Zwangsarbeiter/innen waren dem Vernehmen nach beliebt und "ganz liebe und nette Menschen".

Trais-Münzenberg

Interessant ist ein an eine US-Dienststelle gerichtetes Schriftstück von 1945, nach dem die Zwangsarbeiter/innen Malania SAWKIW, Maria SOBASCHUK und Bronislaw CZURYLO einem Trais-Münzenberger Landwirt ausdrücklich bestätigen, dass er sie gut behandelt und jeder Arbeiterin/jedem Arbeiter ein eigene Stube zur Verfügung gestellt hatte. Ferner hatte er sich in einem Gerichtsverfahren gegen den CZURYLO für die Verkürzung der geplanten langen Haftstrafe auf 4 Wochen herab gesetzt wurde. 1943 verhinderte dieser Landwirt, dass ein deutscher Polizist den CZURYLO schlug.

Schlussbetrachtung

In allen Gesprächen mit Zeitzeugen fiel auf, dass stets nur Positives berichtet wird, wenn überhaupt Gesprächsbereitschaft bestand. Niemand konnte (oder wollte) Negatives sagen. Oft wird sich darauf berufen, dass man zu dieser Zeit noch zu jung oder aktiver Kriegsteilnehmer war, was größtenteils auch stimmt. Die Verdrängung hat jedoch so gründlich stattgefunden, dass die damaligen Vorgänge um die Zwangsarbeiter meist nicht als Unrecht und eher harmlos gesehen werden. Oft wird "per Aufrechnung" im Gegenzug an den Verbleib und das Schicksal deutscher Soldaten in den besetzten Ländern erinnert. Das Thema Zwangsarbeit wird grundsätzlich mit dem Zweiten Weltkrieg als solchen mit all seinen "Notwendigkeiten" ("die Ehemänner, Väter und Söhne waren doch im Krieg") in Verbindung gebracht; eine menschenverachtende "Rassen-Ideologie" als Voraussetzung für die Deportation von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in das damalige Deutschland wird als Ursache jedoch nicht erkannt. "Negatives", wie Strafanzeigen gegen Zwangsarbeiter/innen wegen "Aufsässigkeit" oder Fluchtversuche werden nur aus Akten bekannt.

Es ist allerdings stark zu vermuten, dass das Zusammenleben in der dörflichen Gemeinschaft wesentlich reibungsloser vonstatten ging als in der Anonymität einer Stadt oder Fabrik. Die zur Zwangsarbeit hierher verbrachten Menschen "ersetzten" quasi Familienmitglieder. Daher werden die Schilderungen der Zeitzeugen in weiten Teilen der Wahrheit entsprechen, wobei "Unangenehmes", soweit vorgefallen, sicherlich dem Vergessen und Verdrängen anheim gefallen ist.

Für den Archivausschuss

Hagen Vetter
Leiter des Stadtarchivs Münzenberg

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